
Tannennadeln und ihr geheimer Auftrag
Ich glaube inzwischen, dass Tannennadeln einen Auftrag haben. Nicht alle. Aber ein paar wenige und zwar von einem Baum, der geboren wurde, um ein Weihnachtsbaum zu sein. Diese wenigen haben eine Lizenz zum Überleben und acht von ihnen habe ich dieses Jahr im Januar kennengelernt.
Das sind die, die eigentlich nicht da sein dürften, entsorgt, aufgesaugt, weggeputzt und trotzdem mitten im Wohnzimmer lebend, allen Widrigkeiten zum Trotz.
Und ich meine nicht die Nadeln, die vorne an der Haustür mit den Schuhen wieder reingetragen werden. Wenn ich den Baum bis an die Straßenkante schleife, fallen ja reichlich Nadeln ab und die kommen halt mit mir wieder durch die Tür herein. Aber ihre Taktik des Überlebens ist noch nicht ausgereift, das ist kein überlegtes Handeln, sondern bloßer Zufall und zählt nicht.
Während ich also meine Wohnzimmernadeln sammelte und immer wieder anschaute, überlegte ich, wie ich mir ihr Leben vorstellen sollte.
Wissen diese Nadeln von Anfang an, dass sie etwas Besonderes sind?
Oder wollen sie einfach nicht mit den anderen Nadeln zusammen in den Weihnachtsbaumabfuhrwagen und der sicheren Entsorgung entgegenfahren?
Lösen sie sich deswegen rechtzeitig, rieseln zu Boden und halten erst einmal den Atem an?
Können sie sich erfolgreich gegen das Aufsagen des Staubsaugers wehren, weil sie einen Lufthauch nutzen und sich in eine Ritze der breiten Dielenbretter flüchten?
Und dann?
Wollen sie doch noch mal an die frische Luft und das Sonnenlicht sehen? Ist das ihr Lebenszweck?
Wahrscheinlich.
Denn nur das ist die Erklärung, dass sich so eine Nadel, mit was für Superweihnachtstannennadelkräften auch immer, aus der Bodendielenritze erhebt und mich frech anlacht, während ich in meinem Sessel sitze und lese. Immer wieder mal den Kopf hebe, das Gelesene verdaue und in der Gegend herumgucke. Ende Seite 227 war die Tannennadel noch nicht zu sehen – ganz sicher, aber nach Seite 256 liegt sie da.
Geheimnisvoll, faszinierend und unglaublich stur.
Jedes Jahr geht mir das so. Ich habe mich gewundert und geärgert. Habe meinem Staubsauger und allen Saugenden in diesem Haushalt schlechte Arbeit unterstellt. Und sie einzeln weggeschmissen.
Dieses Jahr war etwas anders, aus unerfindlichen Gründen habe ich die kleinen Scheißerchen aufgehoben und behalten.
Im Januar haben es 8 Tannennadeln geschafft, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht immer beim Lesen, einmal habe ich mit meiner Freundin abends ein Glas Wein getrunken, ich hab über etwas gelacht und als mein Blick dabei den Boden streifte? Zack, da lag eine Nadel, die vorher noch nicht da war.
Eine habe ich vom Frühstückstisch aus gesichtet und musste einmal zurücklaufen und denselben Blickwinkel einnehmen, weil ich sie beim ersten Aufstehen nicht auf Anhieb gefunden habe. Ganz schön raffiniert.
Und was soll ich sagen: Nachdem ich mich gegen den Ärger für die Freude entschieden habe, ist es jedes Mal ein Fest, wenn ich wieder eine überlebende Tannennadel finde.
Ich werde diese besonderen Nadeln aus dem Jahr 2026 aufheben und wer weiß, vielleicht werden sie mal Bestandteil eines großartigen Gemäldes?
Dann hat sich ihr ganzer Einsatz, ihre Energie und ihr Mut zum Überleben gelohnt.
Und die anderen Nadeln? Wie im echten Leben haben ja nicht alle Weihnachtsbaumtannennadeln die Lizenz zum Überleben. Die anderen fristen ihr ganz normales Leben während der Weihnachtszeit geschmückt in einem Wohnzimmer, werden dann entsorgt und überwiegend in Kompostierungsanlagen zu Bio-Kompost verarbeitet oder in Biomasseheizkraftwerken zur Erzeugung von Wärme und Strom energetisch verwertet.Auch schön.
Genauso ist es ja auch mit den Socken. Viele bleiben einem als Paar erhalten, nur wenige machen sich alleine auf, um die sagenumwobene Sockeninsel aufzusuchen. Und das fällt dann auf. Wie das so ist mit den negativen Dingen, die bleiben im Kopf. Allerdings ... während ich das so schreibe, fällt mir ein, dass ja vielleicht auch Pärchen auf die Sockeninsel auswandern und wir kriegen das nur nicht mit. Ja, die geringelten, selbstgestrickten Socken von Tante Heimgard, die würde man schon vermissen, aber die normalen schwarzen? Man hat doch nicht den Überblick über seine gesamten Socken.
Jedenfalls gelingt es ja eben auch nur einigen Socken, zu fliehen, der Rest wärmt den Menschen die Füße und ist (hoffentlich) über diesen Job sehr glücklich.
Jetzt frage ich mich, was eine Einzelsocke auf einer Insel in der Karibik so treibt und wie sie ihre Erfüllung findet. Der ganze Sand ...
Gut, ich beschließe hiermit das Thema und freue mich schon auf Karneval.
Alaaf!